"Filioque"

oder


Das Wirken des Heiligen Geistes
in der Kunst des 20. Jahrhunderts


Erzählung von Wolfgang Lettl



     Audio-Dokument (19 Minuten)



Ich trage nie eine Uhr bei mir. Als ich im zarten Knabenalter eine Firmungsuhr bekam, nahm ich sie zunächst immer mit in die Schule und bemühte mich, stolz darauf zu sein. Aber bald merkte ich, daß mit der Uhr auf dem Pult die Unterrichtsstunden noch langsamer dahin schlichen und bald wurde mir auch klar, daß überhaupt die Uhr eine üble Erfindung war, ein Instrument der Tyrannei, das uns die Stunden und Minuten zuteilt und uns zu Sklaven degradiert. Der Wecker ist nur das ohrenfälligste Beispiel dafür. Als schließlich, wohl wegen unsachgemäßer Behandlung, meine Uhr ihren Geist aufgab, ließ ich sie nicht reparieren und seitdem hat keine Taschen- oder Armbanduhr mehr meinen Lebenslauf in längere und kürzere Strecken unterteilt.

Minuten

Minuten, 1980


Weil ich also keine Uhr bei mir hatte und an der Wand auch keine hing, auch sonst kein mit einem Chronometer ausgerüstetes Gerät da war, ein Elektroherd etwa, kann ich nicht genau sagen, wie lange ich allein in dem Raum war, vielleicht fünf oder zehn Minuten. Das interessierte mich auch gar nicht. Ich war völlig entspannt und geistig weggetreten, und meine Gedanken, wenn man sie so nennen will, schweiften plan- und ziellos umher, nur schwach assistiert von nebulösen Sinneseindrücken... , nein "Eindrücke" waren das nicht, das klingt viel zu brutal... wie sagt man da? Also, es war so: wie von ferne, aber so weit weg auch wieder nicht... also: der Raum war weiß und an den weißen Wänden spielte das Licht zwischen rosa, hellgelb, blau und lila, aber ganz zart; das Licht kam durchs Fenster dem ich gegenüberlag, nein, ich lag gar nicht, aber gesessen bin ich auch nicht, so zwischendrin halt, also das Licht, morgenfrisches Frühvormittagslicht kam nicht einfach so durchs Fenster, wie man nach dem bisher Gesagten annehmen könnte, sondern unterbrochen von ca. 20-40 etwa acht Zentimeter breiten, ebenfalls weißen oder doch weißlichen senkrecht gestellten Lamellen einer Jalousie, die infolge ihrer leichten Schrägstellung von links nach rechts erst schmale, dann immer breiter werdende Lichtstreifen freiließen, durch die ich mit schläfrig- halbgeöffneten Lidern den hellen Himmel und was sonst noch da war, betrachten konnte.

Knapp unter dem Niveau des Raumes, in dem ich mich befand, war ein mit Betonplatten bedecktes Flachdach, darauf ein paar Tauben, die offensichtlich auch nicht recht wußten, was sie tun sollten, hin und her trampelten und trippelten, und ohne daß sie den Eindruck erweckten, sie hätten Hunger, hie und da etwas aufpickten. Dieses selbstverständliche Nichtstun, ohne von schlechtem Gewissen oder Langeweile angeödet zu sein, ist eine der Fähigkeiten, die sich die Tiere im Gegensatz zu den meisten Menschen bewahrt haben; und wenn der Mensch sich mal Ruhe gönnt, dann doch nur, um nachher für den Streß fit zu sein.

Die Tauben denken da nicht so, und die Goldfische auch nicht.

Anschließend hinter dem Flachdach erhob sich etwa drei Meter hoch eine grüngestrichene, oben mit einem braunen Streifen abgeschlossene Betonwand, überragt von dem Geländer einer eisernen Leiter, die an ihr hinaufführte. Das war alles, was ich draußen erkennen konnte, abgesehen von ein paar kahlen Baumspitzen weiter hinten. Rechts in meinem Blickfeld, im Zimmer, war in einem Blumentopf eine exotische Pflanze, mit einem Fieberthermometer in die Erde gesteckt, vielleicht aber war es ein Hygrometer zum Überprüfen der Bodenfeuchtigkeit. Ich wollte nicht aufstehen um genauer hinzusehen, denn das Liegen auf dem Stuhl war so angenehm körperangepaßt, daß ich mein eigenes Gewicht nicht spürte, als ob ich schwebte. Es war nämlich der Stuhl im Behandlungszimmer meines Zahnarztes, und ich wartete darauf, daß der Herr Doktor käme: "Guten Morgen Herr Lettl, wie geht's?"

Rettich und Zahnpasta

Rettich und Zahnpasta, 1980


Mein Zahnarztbesuch hat eine Vorgeschichte:

In Apulien, wo ich im Sommer immer bin, lernten wir, das ist meine Frau und ich, wir lernten Narzisa kennen. Sie ist hübsch und zart wie ihr Name. Aus Rumänien stammend, hatte sie sich, auf Gegenseitigkeit beruhend, unsterblich in Ferdinando verliebt. Ferdinando hatte sie, entgegen den Einsprüchen und Widerständen seiner, wie dort üblich, zahlreichen Verwandten, sofort geheiratet. Daß Narzisa kein Geld hatte, war ihm egal, aber der Verwandtschaft nicht, denn in Apulien heiratet man nach Geld. Ferdinando ist Zahnarzt und Narzisa Sprechstundenhilfe. Sie lieben sich immer noch, mit zunehmender Tendenz.

Aber manchmal hat Narzisa Sehnsucht. Nach Rumänien. Da war alles anders. Die Leute vor allem. Wir spürten das auch irgendwie. Die Süditaliener sind laut und mitunter aufdringlich, beinahe plump, sie haben die Seele nicht innen sondern außen.

Ein Bekannter Narzisas aus ihrer Heimat ist Pope der orthodoxen Kirche und lehrt in Padua Dogmatik oder so etwas. Giorgio - oder so ähnlich auf rumänisch - heißt er. Giorgio hatte ein paar freie Tage und besuchte Narzisa und die blühte auf. Sie besuchte uns mit Giorgio. Er war jung und sympathisch, ob er einen Bart hatte, weiß ich nicht mehr, aber wenn er einen hatte, war er ganz schwarz. Im übrigen war Giorgio so, wie man sich einen Priester vorstellt: korrekt und sanft mit ein bißchen Geruch der Heiligkeit, etwas verschieden von katholisch, orthodox halt.

Kirche und Welt

Kirche und Welt, 1989


Leider läßt im Alter unter anderem auch der Geruchssinn nach. Ich erinnere mich gut, daß ich als Kind die Mitmenschen am Geruch unterschied, ob sie sympathisch waren oder nicht, die Unsympathischen konnte ich nicht riechen, auch wenn sie mich noch so süß anlächelten. Giorgio hat sicher angenehm gerochen.

Über was unterhält man sich mit einem Popen weiter, wenn man ihm schon erzählt hat, daß es schon lange nicht mehr geregnet hat? Surrealismus schien mir kein passendes Thema. Vielleicht wäre ein bißchen religionsgeschichtlicher Disput in glaubensgetrennt-brüderlichem Geiste angebracht. Dazu fiel mir aber nur "filioque" ein. Ich darf natürlich annehmen, daß Sie wissen, was das heißt, es sei denn, sie haben in der Schule nicht aufgepaßt. "Filioque" heißt "und dem Sohn" und war der Streitpunkt, über den die Abspaltung der orthodoxen Kirche von Rom hereinbrach. Ob nämlich der Heilige Geist vom Vater allein ausginge oder vom Vater und dem Sohn zusammen. Und dieser wichtige Unterschied wurde uns in der Schule so eingebleut, daß er zu dem Wenigen gehört, das ich nicht vergessen habe. Ich nehme an, daß die Kirchenspaltung noch andere Hintergründe hatte, die wir aber hier lieber hinten ruhen lassen wollen.

Während ich also krampfhaft versuchte, meine Überlegungen in ein Gespräch auf Gastarbeiteritalienisch umzuordnen, muß irgend jemandem ein Witz entfahren sein, vielleicht sogar mir selber, einer, der zu meinen ernsthaften Gedanken parallel lief.
- Ich weiß es nicht. - Es kommt ja öfter vor, daß sich in die ernsthaftesten, tiefschürfendsten Gedanken ganz unpassend ein blöder Witz einschleicht. Vermutlich beruht das auf einem Kurzschluß infolge Überforderung des Gehrincomputers.

Ich kann mich an den Witz, sollte es überhaupt einer gewesen sein, nicht mehr erinnern, das ist in diesem Zusammenhang auch unbedeutend. Denn plötzlich erschütterte mich eine gewaltige Explosion. Nein, kein Attentat, keine schlimmen Folgen, wenigstens keine dauernden. - Also: Infolge des Witzes, oder was es sonst war, mußte ich lachen, und infolge des Lachens, oder unabhängig davon, was weiß ich, es ging ja alles in Sekundenbruchteilsschnelle, also ich mußte lachen und dazu heftig husten, prusten. Zu allem Überfluß gesellte sich noch ein unwiderstehliches Niesen dazu, und das alles zusammen mündete in dieser schrecklichen Explosion.

Explosion

Szenenbild aus "Die Operation", 1999


Das wäre nun schon peinlich genug gewesen. Zu allem Unglück aber saß meine Oberkieferzahnprothese nicht mehr ganz so fest, wie sie sollte, und ich hatte schon öfter feststellen müssen, daß sie auf und ab wackelte, was beim Essen mitunter lästig war, wobei ich aber immer so viel Geschicklichkeit bewies, daß das nie jemandem aufgefallen war; beim Sprechen bemühte ich mich, möglichst Wörter mit d, t, n und l zu verwenden, welche mir erlaubten, die Prothese immer wieder mit der Zunge oder den Unterzähnen nach oben zu drücken, und ich verschob die fällige Reparatur auf die Zeit, wenn ich wieder in Deutschland wäre. Um die Sache kurz zu sagen: Meine Oberkieferprothese wurde vom Druck der Explosion hinausgeschleudert und landete im Garten. Ich bückte mich blitzschnell, steckte sie wieder an ihren Platz und alles war sozusagen wieder in Ordnung, wenn auch mein Ruf als feiner Mensch etwas Schaden gelitten hatte und ich mir den Vorwurf machen mußte, daß ich als Angehöriger einer rechtgläubigen Kirche einem hervorragenden Vertreter einer anderen rechtgläubigen Kirche als schlechtes Beispiel dieser sonst so korrekten Glaubensgemeinschaft dienen mußte.

Meine Geliebte muß das so ähnlich gesehen haben, denn sie tadelte mich, daß ich den Mund nicht zugemacht, sondern weitergelacht hätte, was ich ja zwar hätte dürfen, aber bitte, mit geschlossenem Mund. Da wirft sich von selber die Frage auf, ob man denn mit geschlossenem Mund überhaupt lachen kann. Lächeln ja, oder "In sich hineinlachen", aber das war hier doch nicht angebracht. Außerdem mußte ich ja mein Bemühen in erster Linie darauf richten, möglichst schnell mein Gebiß zu erhaschen und es einzusetzen, was doch auch einiger Geschicklichkeit bedurfte. Vielleicht hat Giorgio in diesem Augenblick meinen Mund gar nicht beachtet, sondern sein Augenmerk darauf gerichtet, welche Bahn meine Oberkieferzahnprothese einschlug, damit sie uns nicht im Gartengewirr unauffindbar verlorenginge - und was dann? Indes muß ich meiner geliebten Frau ihren Schrecken gerne nachsehen, denn sie weiß ja, wie ich ohne Zähne aussehe: "Wie Dracula", hat sie mir schon öfters gesagt.

Der Bruder

Detail "Der Bruder", 1998


Ich habe Ihnen vorher erzählt, ich habe mich "blitzschnell" nach meinem Gebiß gebückt und Sie mögen das als Aufschneiderei betrachtet haben, weil Sie mir "blitzschnell" gar nicht zutrauen. Mein Erscheinungsbild ist doch eher behäbig, langsam, plump und mit langer Leitung. Aber, wenn's drauf ankommt kann ich sehr schnell sein.

Sie müssen ein wenig Nachsicht mit mir haben, wenn ich manchmal von früheren Zeiten rede, das ist nun mal bei alten Leuten so. Die Jugendzeit war prägend für den Charakter, in der Jugend fielen die Entscheidungen fürs Leben. In unseren Träumen sind wir immer noch die, die wir einmal waren. Ich wenigstens träume mich nie als alter Mensch, als Baby übrigens auch nicht. Das läßt uns hoffen, daß wir auch im Jenseits einst ewig jung sind. Es wäre auch traurig, wenn da wieder laute Alte wären. Ein paar könnten ja da sein, solche die auch auf Erden im Alter erst in ihrer vollen Wichtigkeit aufgeblüht sind. Philosophen, Senatoren, Präsidenten, Prälaten und Päpste etwa, die können dann als rüstige Greise ihr jenseitiges Dasein fristen.

Nein, ich laß es doch bleiben, jetzt von früheren Zeiten zu reden, Sie dürfen mir auch so glauben, daß ich meine Zähne ganz schnell wieder an der richtigen Stelle hatte. Gar nicht entsetzt war übrigens Narzisa. Sie nahm der Situation jede Peinlichkeit und sagte, als Assistentin ihres Mannes sei sie an den Anblick offener zahnlückiger Münder gewöhnt, und dann verlief die Unterhaltung wieder in ruhigen Bahnen.

Giorgio schenkte uns zur Erinnerung ein, im Vergleich zu westkirchlichen Devotionalien, ikonenähnliches Heiligenbildchen in orthodoxem Barockrähmelchen. Wir bedankten uns höflich und höchst erfreut und verabschiedeten mit Herzlichkeit unsere Gäste.

Aber wohin mit dem Bildchen? Es vertrug sich schlecht mit dem, was bei uns sonst an der Wand hängt. Den lieben Giorgio wollten wir auch in der Abwesenheit nicht kränken.
Wer weiß da Rat?

Im Krieg, so gegen Schluß, als es immer unangenehmer wurde (und jetzt komme ich schon wieder auf die Jugendzeit), schickten mir meine Eltern einmal ein "geweihtes" Medaillon zum Umhängen. Das sei von der Großtante (die ich kaum kannte) und sie habe es für uns geschickt (mein Bruder erhielt auch eines), als sicheres Mittel gegen den Heldentod. Mit wieviel Überzeugung meine Eltern daran glaubten, weiß ich nicht. Immerhin war das vor mehr als einem halben Jahrhundert. Und damals glaubte man noch manches mehr. Schaden konnte es ja nicht.

Ich auf alle Fälle glaubte, es sei wohl kein Sakrileg, wenn ich das Medaillon innerlich untersuchte. Da war Pappendeckel. Ich weiß, daß das eigentlich "Pappe" heißt. "Pappendeckel" ist auch unlogisch. Ein Deckel aus Pappe, ja, aber wenn es gar kein Deckel ist? Aber ich bleibe bei "Pappendeckel" weil es ein schönes Wort ist, das so schön den Unwert des Materials ausdrückt. Ich weiß nicht, wie weit "Pappendeckel" verbreitet ist oder war, für mich ist es nostalgiebehaftet. Noch viel schöner ist es im Dialekt: "Babbadeggl". Hoffentlich stirbt es nicht aus.

Das entzauberte und entehrte Medaillon hab ich weggeschmissen.

Guten Morgen

Guten Morgen 2001, 2001


"Guten Morgen, Herr Lettl, wie geht's?" weckte mich der Zahnarzt. Zahnärzte sind besonders freundlich, das stammt noch aus der Zeit mit dem Handbohrer und sollte schmerzlindernd wirken. Ich meinerseits war nie begeistert von der schmerzlosen Zahnbehandlung. Wenn schon Zahnarzt, dann will ich auch was spüren. Soweit es mir nicht gelingt, die Schmerzen durch Kontrolle meines Nervensystems auszuschalten, verwandle ich sie in Lust, indem ich sie genieße. Mein Zahnarzt traut sich schon gar nicht mehr zu fragen, ob ich nicht vielleicht doch eine kleine Spritze will.

Er meinte, wir müßten uns noch überlegen, in welchem Farbton ich die neuen Zähne wünsche. "Grün", sagte ich, denn als Kunstmaler muß man der Welt immer wieder beweisen, daß man modern und zwar ganz vorne ist. Avantgarde. Ohne darauf einzugehen, daß eventuell die Krankenkasse nicht für diesen Luxus aufkommen würde und daß "grün" möglicherweise schon bald einer anderen Mode weichen müßte, beschloß er, daß das die Frau zu entscheiden habe. Und weil ich nur beim Rasieren in den Spiegel schaue und das mit geschlossenem Mund, hatte ich keinen Einwand, denn ich habe große Hochachtung für alle Zahnärzte und deren Zulieferer, die schließlich verhindern, daß wir herumlaufen müssen wie unsere Urgroßväter, wahrscheinlich mehr oder weniger zahnlos oder mit einer von Krupp in Essen geschmiedete Prothese.

Zu Anfang habe ich gesagt, die Uhr tyrannisiere uns. Da haben wir's wieder. Die Zeit ist um und ich bin erst bei der Einleitung. Ich wollte etwas zum Wirken des Heiligen Geistes in der christlichen Kunst des 20. Jahrhunderts sagen unter Berücksichtigung der oft festgestellten Tatsache, daß die Menschen immer weniger Lebensfreude empfänden.

Woher das wohl kommt?

Vom Überdruß am Überfluß, vom Fernsehen, oder einfach, davon daß sich alle viel zu wichtig nehmen?

Mit Ausnahme von uns natürlich.